Spotter kennen Szenenhäuptlinge
Um jede Fussballmannschaft scharen sich auch Risiko-Fans ? dank szenekundigen Kantonspolizisten sind diese keine Unbekannten.
Spotter sind ein Bindeglied zwischen Fans und Polizei, der sie angehören. An der Euro 08 werden ausländische und einheimische Spotter zusammenarbeiten, wie dies im Klubfussball üblich ist. Der ?Bund? begleitete die Spotter ans Spiel YB – FC Zürich in Bern
.Am Sonntag kurz nach Mittag treffen ein paar Kantonspolizisten auf dem Posten am Berner Nordring ein. Die meisten sind Männer, sie begrüssen sich kameradschaftlich mit Handschlag. Im Korridor stehen ein Eierkarton mit Ostereiern und Streuwürze; Zeit fürs Eiertütschen hat aber niemand. Die Spotter, wie sich die szenekundigen Polizisten an Fussball- und Eishockeyspielen selber nennen, treffen sich zum Briefing.
?Es ist ein Hochrisikospiel mit bis zu 20 000 erwarteten Zuschauern?, sagt der Gruppenchef. Aus Zürich würden gegen 900 Fans ans Spiel YB – FC Zürich kommen, darunter 150 Risiko-Fans. Reisecars seien keine gemeldet, Hooligans würden mit Autos anreisen ? wenn überhaupt welche kämen. Hingegen müsse damit gerechnet werden, dass ?Züri united? komme, weil die Grasshoppers bereits am Vortag gespielt haben. Die Heimszene werde mehr oder weniger vollzählig sein, Absprachen seien keine bekannt. Der Gruppenchef fordert seine Leute auf, vor allem unter dem Fan-Nachwuchs Personenkontrollen zu machen, um die Jungen aus der Anonymität herauszuholen.
?You?ll Never Walk Alone?
P. B. arbeitet seit vier Jahren an YB- und SCB-Spielen als Spotter und war 2006 auch mit der Nationalmannschaft an der Fussballweltmeisterschaft in Deutschland. Interesse an Fussball und Eishockey sei Voraussetzung für diese Aufgabe. Auch für das Fanwesen hat er Verständnis: Wenn ein ganzes Stadion ?You?ll Never Walk Alone? singe, fasziniere ihn das. ?Es braucht ,Gschpüri??, sagt P. B., oft reiche es, wenn er den Fans in die Augen schaue, um zu sehen, ob eine Situation kippe. Denn nicht nur die vorsätzlich gewaltbereiten Hooligans, sondern auch die Ultras könnten plötzlich zu Schlägern werden, wenn eine Situation aus dem Ruder gerate. ?Um YB gibt es einen Mob von 150 bis 200 Leuten?, sagt er. Die Szenenhäuptlinge kennt er ? und sie kennen ihn. Die Spotter arbeiten zwar in zivil, aber nicht verdeckt, und sie suchen den Kontakt zu den Fans.
Schliesslich planen die Polizisten auch den Abgang der Fans nach dem Spiel, mit dem Ziel, dass sich möglichst keine Berner und Zürcher über den Weg laufen. Irgendwann werde es vielleicht möglich sein, die Gästefans schweizweit nach Spielende etwas länger zurückzubehalten ? bis dahin werden aber in Bern die YB-Fans, vor allem auf dem Weg zum Wankdorf-Bahnhof, warten müssen, bis die Auswärtigen abgereist sind. Lange vor Anpfiff verteilen sich die Spotter ums Stade de Suisse. Dort stossen auch die Zürcher Kollegen dazu, die die Fans des FC Zürich kennen. ?Genauso funktioniert es auch an der Euro 08?, erklärt P. B. Die Spotter aus den entsprechenden Ländern kennen ihre Fans, die einheimischen Kollegen begleiten sie, weil sie alle örtlichkeiten kennen. Auch die Berner Spotter werden an der Euro 08 die Spotter-Teams der ausländischen Mannschaften begleiten und betreuen.
?Alles ruhig bis jetzt?
über Funk trifft die Meldung ein, ein Reisecar mit betrunkenen Hooligans sei Richtung Bern unterwegs und solle an der Autobahnraststätte Grauholz angehalten werden. Die Zürcher und ein Team der Berner Spotter fahren ins Grauholz. Eskortiert von der Autobahnpolizei trifft dort der Reisecar ein. Ein wütender Fan schlägt an die Scheibe. ?Ihr habt uns sicher verraten?, schreit der erste, der aussteigt. Er spricht zu einem der Zürcher Spotter, den er ganz offensichtlich kennt.
Die meist jungen Leute werden von mobilen Einheiten der Kantonspolizei durchsucht und befragt. Passanten wundern sich, und die Fans ärgern sich über das Riesenaufgebot: ?Es ist lächerlich, 200 Polizisten für 70 Leute.? Es sei kein Geheimnis, sagt P. B., dass vor der Euro 08 alles daran gesetzt werde, dass nichts mehr passiere. ?Auch die Fans wissen das, und sie sagen, dass sie bis zur Euro 08 nichts machen werden?, erklärt er. Ein Polizist der mobilen Einheit spricht ob der Szene im Grauholz möglicherweise vielen aus dem Herzen: ?Das ist nur eine Horde ,Sougoofe?, an der Euro 08 sind es dann zwei Meter grosse, betrunkene Holländer.?
Bis auf drei Fans können schliesslich alle wieder in den Reisecar einsteigen. Zwei hätten ein Stadionverbot und ein anderer stehe im Konflikt mit dem Gesetz. Der Reisecar soll eskortiert und direkt vor den Gästeeingang beim Stadion gefahren werden, entscheidet der Einsatzleiter. Damit soll verhindert werden, dass die Fans statt ins Stadion in die Stadt gehen und dort Radau machen. Um das Stade de Suisse ist es bisher ruhig. Die Kollegen von P. B. künden 800 Zürcher Fans im Extrazug an und berichten von 50 bis 70 Leuten der YB-Szene, die sich im Restaurant Walter versammeln. Sonst lautet der Tenor unter den Spottern: ?Alles ruhig bis jetzt.?
?Einer wollte mit mir sprechen?
Auch die von YB-Fans gezündeten Rauchpetarden zu Beginn des Spiels bringen P. B. nicht aus der Ruhe, obwohl dies im Heimstadion nicht üblich sei. Die Leute aus dem Reisecar machen, abgesondert von den restlichen Zürcher Fans, Stimmung für ihre Mannschaft. ?Sie wollen nicht mit den Südkurven-Fans in der gleichen Ecke stehen, deshalb sind sie mit dem Reisecar und nicht mit den anderen im Zug angereist?, weiss ein Zürcher Spotter. Nach der Verpflegung mit einer YB-Wurst zirkuliert P. B. durchs Stadion. Im Führungsraum beobachtet er auf einem Bildschirm die Bilder von überwachungskameras: Aus einer Toilette quillt Rauch ? kurze Zeit später haben ein paar Feuerwehrmänner die Situation unter Kontrolle gebracht. Im Sektor der heimischen Fanszene bleibt er länger stehen. ?Einer wollte mit mir sprechen, er ist ein paar Mal an mir vorbeigegangen?, sagt P. B. Oft kämen die Fans nur, wenn er alleine sei. Zudem sei es einfacher, an Auswärtsspielen mit ihnen in Kontakt zu kommen, weil sie im Heimstadion ungern mit Polizisten gesehen würden. ?Man muss Vertrauen aufbauen?, sagt er. Die Fans rechneten damit, dass die Spotter auch für sie vermittelten, wenn sie an Auswärtsspielen in Schwierigkeiten gerieten. Probleme wegen seiner Arbeit habe er bis jetzt nie gehabt, aber: ?Man muss sich jeden Schritt in dieser Szene gut überlegen?, sagt er.
Scharmützel am Bahnhof
?Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich, es gibt kein Anzeichen von Aggressivität?, meldet P. B. seinem Gruppenchef. Dank dem Resultat von 3 zu 0 sei von den Bernern nichts zu erwarten. Allerdings könne die Situation jeweils schnell ändern. ?Wenn die Zürcher eine Berner Fahne anzünden, sieht alles anders aus?, erklärt er. Es gibt weder Provokationen, einen umstrittenen Schiedsrichterentscheid noch einen Anschlusstreffer der Zürcher. Trotzdem kommt es nach dem Spiel zu einer Sachbeschädigung hinter dem Stadion und am Wankdorf-Bahnhof zu einem Scharmützel. Berner und Zürcher bewerfen sich mit Schottersteinen und hindern Züge am Abfahren. An beiden Orten kommt es zu Festnahmen. Für einen Match gegen Zürich sei dies normal, sagt B. P. Er und seine Spotterkollegen sind mit dem Tag zufrieden und machen Feierabend.
Quelle: ultras.ws